Zeichen des Schicksals?
Ein neuer Tag, neue E-Mails. Das Investigativ-Recherche-Team hat geantwortet – kurz und knapp: „Wir besprechen uns intern. Generell erhalten wir viele Themenvorschläge. Falls wir uns den Corona-Soforthilfen noch einmal widmen sollten, melden wir uns.“
Für Nicole klang das nicht vielversprechend – eher wie höfliches Hinhalten. Kein echtes Desinteresse, aber auch kein echtes Engagement. Sie ließ die Mail kurz auf sich wirken. Die brauchten halt einen Skandal, einen Kopf, der rollte. Nicole aber hatte nur ihre Wahrheit und ihre verzweifelte Existenzangst zu bieten.
Nur?
Diese Existenzangst, die vielleicht 2 Millionen andere Kleinstunternehmen und Soloselbständige hatten? So viele hatten laut Monatsbericht Juli 2020 des Bundesministeriums der Finanzen die Corona-Soforthilfe beantragt.
Das war für eine große Redaktion nicht genug? Wenn Nicole also gehört werden wollte, musste sie sich selbst zur Story machen, dachte sie – da löste sich ein Zettel von ihrer Regalwand.
Er segelte lautlos zu Boden, wehte knapp an ihr vorbei und blieb neben dem Schreibtisch liegen. Handgeschriebene Notizen standen darauf: wie gute Texte entstehen – kurze Sätze, Stichworte, Ausrufezeichen – mittlerweile halb verblasst.
Nicole hob den Zettel auf, warf einen prüfenden Blick auf den Inhalt und klebte ihn wieder an seinen Platz.
Als sie dann weiter recherchierte, stieß sie unter anderem auf einen Beitrag des NDR, veröffentlicht dieses Jahr. Der Titel:
„Corona-Soforthilfen zurückzahlen: Für viele Unternehmen eine böse Überraschung.“
Darin stand, dass die Investitionsbank aktuell 30 Millionen Euro von Unternehmen in Schleswig-Holstein zurückforderte. Dreißig Millionen! Ein norddeutscher Unternehmensverband wurde zitiert: Rund 1.700 betroffene Firmen hätten bereits Widerspruch eingelegt. Die Rückforderungen würden viele von ihnen vor große Herausforderungen stellen.
Der Wirtschaftsminister hielt dagegen. Unter anderem mit der Aussage: „Es wurden Zahlen angegeben, die auf Prognosen des eigenen Steuerberaters basierten.“
Nicole starrte auf den Satz – ein wenig fassungslos über so eine falsche Annahme: Freiberufler und Soloselbstständige, für die das Soforthilfe-Programm vor allem gedacht gewesen war, arbeiteten oft ohne Steuerberater. Sie auch.
Ihre Prognose beruhte damals auf konkreten Kosten und geplanten Projekten, welche wegen der Corona-Maßnahmen abgesagt wurden. Workshops und Veranstaltungen fielen aus, Budgets wurden eingefroren, Kooperationen gestoppt. Doch die Kosten blieben, ebenso wie die unbezahlte Vorarbeit.
Lag das eigentliche Problem mit den Rückforderungen in einem schiefen Bild von Selbstständigkeit? In Politik, Verwaltung und Teilen der Öffentlichkeit? Als grundlegendes Missverständnis?
Solo-Selbstständige, wie freiberufliche Projektleiter, IT-Experten oder Kreative, galten als frei, flexibel, unabhängig und gutverdienend und wurden gleichzeitig systematisch ausgegrenzt. Viele sprangen von Projekt zu Projekt, nichts war von Dauer. Auftraggeber vergaben kurzweilige Werkverträge oder holten sich temporär Fachwissen ins Haus, effizient und punktgenau, solange sie es brauchten. Für Unternehmen ein Gewinn. Für Selbstständige ein dauerhafter Balanceakt auf einem angesägten Ast – stets die Ersten, die fielen, wenn sich die wirtschaftliche Lage eintrübte.
Wenn jemand wusste, wie dieses System funktionierte, dann Nicole. Ihr früheres Business hatte auf diesem Modell basiert – eine Arbeitswelt, die maximale Flexibilität verlangte, aber in Krisenzeiten wenig Stabilität bot.
Sie saß am Schreibtisch, dachte nach – und wusste: Das alles war noch lange nicht vorbei. Und sie würde auf die eine oder andere Weise mitmischen. Doch jetzt musste sie sich aufs Heute konzentrieren – gleich würde sie einen Workshop geben. Schnell gab sie ChatGPT noch den Auftrag, eine tiefgehende Recherche zu den Corona-Soforthilfen im März 2020 für Schleswig-Holstein durchzuführen und ging währenddessen aufs WC, um sich zu erleichtern.
Das Recherche-Ergebnis, das sie danach vorfand, war hinsichtlich des Zeitpunkts März mager. Doch für Details blieb keine Zeit, denn sie hatte eine zweieinhalbstündige Fortbildung über Webauftritte zu geben. Für eine Institution an der Nordsee; vierteljährlich der gleiche Kurs. Per Videokonferenz – Entfernungen spielten keine Rolle. Die Teilnehmenden: Gründerinnen und Gründer, Frauen und Männer 50plus. Meistens Menschen, bei denen die Arbeitsagentur mehr Chancen in einer Selbstständigkeit als in einer Festanstellung sah.
Heute waren fast ausschließlich solche dabei, die Solo-Selbstständige werden wollten – als Coach in Lebensfragen, Regionalberater, Fensterreiniger, Webdesigner, Betreiber von Online-Zeitungen oder Shops für Bücher, ein Handwerker, ein Metallveredler. Nach der Vorstellungsrunde war Nicole sofort klar: Sie würden es alle schwer haben – außer vielleicht der Handwerker.
Sie führte den Workshop trotzdem gelassen und mit Humor durch. Es tat ihr gut, für ein paar Stunden den Fokus zu wechseln und ihre vielseitigen Erfahrungen als Unternehmerin einfließen zu lassen. Die Gruppe war nett, gesprächsbereit und aktiv – alle sprachen gutes Deutsch, was in diesem Kontext keine Selbstverständlichkeit war.
Nicole führte die Teilnehmer durch die Basics eines Webauftritts. Erst sprach sie über Domains – welche Kriterien für eine Adresse im Netz wichtig waren und was Zielgruppen damit zu tun hatten. Weshalb guter Support wichtiger war als Internet-Provider mit günstigen Preisen.
Anschließend öffnete sie das Backend von einer WordPress-Website, erzählte von Designvorlagen und Plug-ins – das ganze Fundament, auf dem eine Website stehen musste und was daraus werden konnte: ein Shop, ein Magazin, ein Infoportal – oder eben nur eine Image-Website. Und entfachte dann eine Diskussion über einfache Baukasten- gegenüber flexiblen Content-Management-Systemen.
Dann, plötzlich, löste sich wieder dieser Zettel von ihrer Regalwand.
Rechts von ihr glitt er langsam herab.
Nicole schüttelte den Kopf, grinste, schaute zu, wie er sich zu Boden legte, und erklärte der Gruppe, warum sie abgelenkt gewesen war.
„Seit vielen Jahren hängt an meinem Regal ein Zettel mit Notizen über das Schreiben guter Texte. Heute Morgen ist er aus einfach abgefallen – und jetzt schon wieder. Was das wohl bedeuten soll?“
Eine Teilnehmerin lachte. „Der hat ein Eigenleben.”
Nicole hob das Blatt auf und hielt es in die Kamera. „Offenbar. Er hat sich selbstständig gemacht – so wie ihr bald.“
Ein Mann sagte: „Vielleicht protestiert er. Texte für Dritte zu schreiben, ist schließlich auch kein leichter Job.“
Gespielt ernst ging sie darauf ein: „Mag sein. Er hängt da seit Jahren ohne Tarifvertrag und arbeitet gefühlt 24/7. Irgendwann will jeder einfach mal weg.“
Eine andere Teilnehmerin rief dazwischen: „Vielleicht will er dich warnen! Oder dir etwas Bestimmtes sagen – nur was?“
Nicole blinzelte und meinte: „Tja, meine Aufmerksamkeit hat er in jedem Fall…“
„Das hat wohl eindeutig etwas mit Schreiben zu tun!“, meinte eine andere Person.
Nickend klebte Nicole den Zettel wieder ans Regal. „Kann sein. So. Jetzt bleibst du bitte da. Das Leben eines Selbstständigen ist nicht für jeden etwas.“
Gelächter.
Danach leitete sie eine Pause für die Teilnehmer ein und ging nach unten in die Küche, um eine Kleinigkeit zu essen.
Im Anschluss ging der Workshop noch eine Stunde weiter. Thematisch drehte er sich jetzt um Google Business, diesem kleinen, unterschätzten Eintrag, der für Sichtbarkeit auf Google-Maps sorgte.
Nicole warnte die Runde vor den üblichen dubiosen Angeboten, die nach einer neuen Website-Veröffentlichung wie Fliegen auf Zucker auftauchten. Und zeigte ihnen, wie sie sich dort selbst eintragen konnten – kostenlos.
Zum Schluss gab sie einen kurzen Blick auf KI-Tools frei: Wie sie Design-Strukturen vorschlugen und Website-Texte lieferten, und Suchbegriffe optimierten – helfend, aber niemandem das Denken abnehmend.
Nach insgesamt zweieinhalb Stunden war Nicole erschöpft – so viel am Stück zu reden war nicht ihr Alltag.
Als sie die Videokonferenz schloss, fiel eine Stille in den Raum, die fast körperlich spürbar war. Ihr Rachen fühlte sich rau an und ihre Schläfen pochten dumpf – sie hatte zu wenig getrunken. Das Glas Wasser neben ihr war noch fast voll.
Ende aus, weg vom Schreibtisch. Kopf freibekommen.
Kochen, Haushalt oder Gartenarbeit halfen ihr in der Regel dabei. Doch mehr als Wäsche aufhängen und mit dem Hund rausgehen schaffte sie heute nicht – sondern holte ihre Tochter vom Bahnhof ab.
Nicole hoffte, dass ein gemütlicher Abend mit ihr sie auf andere Gedanken bringen würde. Ein bisschen Normalität und das Gefühl, in dieser Situation nicht allein dazustehen, wären jetzt gut gewesen.
Doch Ayana wollte nicht lange bleiben.
„Ich will nur ein paar Sachen holen“, sagte Ayana, als sie beide aus dem Auto stiegen und ins Haus traten. Sie wirkte gut gelaunt, aber kurz angebunden.
Sammy bellte aufgeregt. Nicole zog die Schuhe aus und öffnete die Zwischentür. Der Hund stürmte auf Ayana zu und sprang sie an. Vor Freude schlug seine Rute schneller, als sein Körper hinterher kam. Ayana beugte sich zu ihm herunter, streichelte ihn kurz und versuchte, ihn mit Worten zu beruhigen.
Kater Felix stand zwei Meter weiter im Flur, tat erst so, als sei ihm das alles egal, und starrte Ayana mit diesem königlichen Blick an, der weder Zustimmung noch Ablehnung verriet. Erst als Ayana ihn mit weicher Stimme rief, trabte er erhaben heran, rieb sich an ihrem Bein entlang und ließ sich kraulen.
Dann ging Ayana nach oben in ihr Zimmer.
Nicole holte etwas zu trinken und folgte ihr. „Was heißt das genau, du willst nur ein paar Sachen holen?“
„Das ist uns zu eng bei Lotta im Bett. Ich ziehe aufs Sofa um – in Danys Zimmer – und dafür brauche ich Bettzeug.“
„Aha – klingt so, als würdest du dich da häuslich einrichten!“ Ihre Tochter nickte und warf ein paar Deko-Kissen in den Flur. „Was machst du damit?“
„Na, zum Chillen und gemütlich machen.“
Ein Stich durchfuhr Nicoles Herz. Ihre Tochter wollte es sich woanders gemütlich machen. Der Haufen vor der Tür wuchs: eine große Tasche voller Kleidung, Kuscheltiere, Pflegeprodukte.
„Sieht ja fast so aus, als würdest du ausziehen …“, stellte Nicole fest.
Ihre Tochter lachte und bestätigte erfreut: „Ja, so gut wie. Dann hast du endlich deine Ruhe vor mir!“
„Jaaa. Aber so plötzlich? Dein Studium hat doch gerade erst begonnen …“
„Ich hatte halt Glück, dass ich Lotta und Dany kennengelernt habe. Du musst dir die WG unbedingt bald angucken – das ist so schön da in der Altstadt!“
„Du weißt aber, dass wir kein Geld haben, um dafür Miete zu zahlen?“
„Ja, kein Problem. Die Eltern von den beiden haben richtig Kohle – ich muss nichts bezahlen.“
Nicole war erleichtert – aber auch wehmütig. Ihre Tochter sah es ihr an, trat näher und umarmte sie.
„Ich habe dich lieb, okay? Und mach dir keine Sorgen – alles ist gut!“
„Mmm…“, murmelte Nicole.
„Ich brauche hier bestimmt noch eine halbe Stunde. Wollte noch duschen und dann mit dem Auto nach Lübeck fahren.“
„Das brauche ich morgen späten Nachmittag – du kannst es nicht behalten.“
„Kein Problem. Wir bringen es dir morgen Mittag wieder – aber das ganze Zeug bekomme ich nicht mit dem Zug dahin.“
„Okay … Hunger? Ich könnte was kochen.“
„Das klingt gut!“
Nicole ging in die Küche, setzte Reis auf und schnitt Gemüse. Währenddessen wurde ihr Herz schwer. Ihre Tochter packte – mehr als für eine Nacht. So sehr Nicole in letzter Zeit auch genervt gewesen war und so viel zusätzliche Arbeit selbst ein großes Kind machte – dieser Schritt kam abrupt. Kein gleitender Übergang, kein behutsames Loslassen.
Beim Essen war Ayana euphorisch, sie selbst traurig. Beim Beladen des Autos war die Tochter voller Energie – die Mutter dagegen plötzlich kraftlos. Als sie sich verabschiedeten, war der Kopf von Ayana voller Zukunftspläne, Nicoles voller Fragen.
Wie würde ihre eigene Zukunft aussehen – jetzt, plötzlich überwiegend allein im Haus? Gerade in dieser Situation, ohne Projekt, das sie ablenken und ausfüllen könnte?
Sie drückten sich, ihre Tochter fuhr los – und Nicole ging noch einmal in ihr Büro, holte den PC aus dem Ruhemodus und beobachtete, wie der Zettel mit Schreibnotizen zum dritten Mal an diesem Tag von der Regalwand herunter flatterte.
…
Als Nicole sich am nächsten Tag wieder an den Schreibtisch begab, tat sie etwas, das nicht in ihre Routinen passte: Sie öffnete das Portal der Agentur für Arbeit, scrollte zu „Geldleistungen und andere Leistungen“ und klickte nicht auf „Kindergeld“, nicht auf “ALG 1”, sondern auf „Bürgergeld“.
Schon das Wort tat ihr weh. Als ehemalige erfolgreiche Unternehmerin und langjährig Engagierte im Bildungssystem fühlte sich dieser Schritt brutal an – nicht bergab, sondern beinahe am Boden.
Als zuletzt nur noch zwei Fördermittelanträge offen gewesen waren, hatte Nicole rein vorsorglich bereits einen Antrag auf Bürgergeldleistungen gestellt.
Eine Antwort lag bis heute nicht vor. Also prüfte sie, ob vielleicht doch etwas fehlte. Antragsformular: komplett. Alle Anlagen: hochgeladen. Die Anlage EKS für Selbstständige: schien in Ordnung. Und ja, auch Selbstständige können Bürgergeld bekommen und parallel weitermachen.
Formular für Immobilieneigentümer, eins zum Kind – beides erledigt. Die Menge an verlangten Unterlagen war absurd: vom Kindergeldbescheid bis zur Immobilienfinanzierung, von Versicherungsnachweisen bis zu Kontoauszügen.
Die vom Jobcenter wollten alles wissen. Wirklich alles!
Jede hochgeladene Datei war ein stilles Eingeständnis: Sie kam allein nicht mehr über die Runden. Nicht in diesem System. Nicht unter diesen Bedingungen. Das traf sie tiefer, als sie zugeben wollte.
Blöd, echt blöd, dass sie sich nach der Corona-Pandemie nicht erneut hatte freiwillig arbeitslosenversichern können – ein weiterer Irrsinn der deutschen Bürokratie. Deshalb gab es jetzt für sie kein Arbeitslosengeld I.
Davon mal abgesehen: Mindestens drei große Chancen hatte es in ihrem Leben gegeben, die sie zu einer wohlhabenden Person hätten machen können.
Da war das entgangene Erbe – gleich zweimal war es zum Greifen nah gewesen, bevor es in bürokratischen Hürden und familiären Verstrickungen versickerte. Da war die bizarre Geschichte mit dem Lotto: der Gewinn ihres leiblichen Vaters, von dem sie nichts hatte – und der Moment, als sie selbst mit ihren eigenen Zahlen haarscharf am Jackpot vorbeigeschrammt war.
Und vor allem: Ihr Business. Sie hatte ein neuartiges Geschäftsmodell aufgebaut, Pionierarbeit geleistet in einem Markt, der sich heute zu einem globalen Milliardengeschäft entwickelt hatte. Andere waren damit reich geworden.
Doch sie saß jetzt hier. Statt auf Millionen, wartete sie auf Bürgergeld.
Nicole schüttelte den Kopf, versuchte, sich von diesen Gedanken zu lösen – und nicht in eine Depression zu verfallen.
Felix, ihr schwarzer Kater, sprang mauzend auf ihren Schreibtisch und kletterte Nicole halb auf den Brustkorb. Das wirkte tröste, war gut für ihre Seele. Und auch, dass Sammy, ihr Hund, sie dann bellend zum Spaziergang rief, half. Alles Wesen auf vier Pfoten, nicht ihre Tochter oder ein Partner – aber: Sie war nicht allein.
Sie beendete ihre Kontrolle bezüglich des Bürgergeld-Antrags. Alles schien in Ordnung zu sein, sie ihre Pflichten erfüllt zu haben. Und nun? Stille. Warten?
Später, nach der Hunderunde und mehreren Gesprächen mit Nachbarn auf der Straße und am See – Älteren wie auch Jüngeren, Armen wie Reichen, Leuten mit Kindern oder Hunden –, kehrte sie zurück. So ein eigentlich 15-minütiger Spaziergang konnte bei schönem Wetter schon einmal eine Stunde oder länger dauern.
Wieder zu Hause konzentrierte Nicole sich auf die heutigen Herausforderungen und suchte nach einem Rechtsanwalt in der Region.
Sie gab in der Suchmaschine „Corona-Soforthilfen, Rechtsanwalt“ ein – und fand sofort einen Blogartikel auf der Website einer Kanzlei, die sie kannte. Dort hatte sie 2016/17 die notariellen Schritte zur Auflösung ihrer GmbH erledigen lassen. Ein wage vertrauter Name in einer neuen Situation. Sie schrieb ihm eine E-Mail:
„Sehr geehrter Herr …, ich habe folgenden Beitrag von Ihnen gelesen (…) und gehe davon aus, dass ich künftig rechtliche Unterstützung benötigen werde. Da ich bereits vor Jahren einmal bei Ihnen im Notariat war, wende ich mich heute erneut an Sie. In Ihrem Beitrag stand u. a.: ‚… einer Aufforderung zur Überprüfung solle man nachkommen.‘ Ist diese Einschätzung von Ihnen noch aktuell?“
Nicole musste zusätzlich ihre finanzielle Lage klar kommunizieren – nicht, dass hinterher eine Rechnung mit Beratungspauschale kam.
„Hinweis: Ich habe eine Rechtsschutzversicherung, habe aber derzeit nicht einmal das Geld für eine Erstberatung. Sollten Sie mir diese Frage beantworten, bitte ich Sie, dies kostenfrei zu tun – es geht nur um die Aktualität Ihrer Einschätzung. Viele Grüße.“
Seine Antwort folgte kurzfristig:
„… sollten Sie die angeforderten Unterlagen nicht einreichen, wird weiterhin davon ausgegangen, dass kein Liquiditätsengpass bestand, was den vollständigen Widerruf der Soforthilfe zur Folge hätte. … Weiterhin verweise ich auf die Möglichkeit, Beratungshilfe beim zuständigen Amtsgericht zu beantragen, sollte Ihre Rechtsschutz nicht einspringen.“
Beratungshilfe also. Sie recherchierte – und stellte fest: Diese wäre nur der erste Schritt. Nach der Beratung bestand keinerlei automatische Absicherung für ein gerichtliches Verfahren. Dafür musste separat Prozesskostenhilfe (PKH) oder Verfahrenskostenhilfe (VKH) beantragt werden – viel Arbeitsaufwand und Denkarbeit, weil neu für sie.
Später – der Zeitpunkt war noch nicht gekommen, zu dem sie diese Schritte gehen musste. Jetzt erledigte Nicole noch einige Kleinigkeiten und dann kam Leben ins Haus:
Ihre Tochter und drei weitere Studierende brachten das Auto zurück und füllten für eine Weile ihr Haus – mit Stimmen, Bewegung und Unruhe. Ayana und ihre neuen Freunde: einige sehr groß, chaotisch, jeder für sich speziell.
Nach einem Kaffee und ein bisschen Reden kutschierte Nicole sie zum Bahnhof. Vier Studierende und sie im kleinen VW Golf Cabrio – sie machten ein Selfie. Nicole fuhr lächelnd, während die jungen Leute redeten, scherzten, diskutierten. Am Bahnhof stiegen sie aus, verabschiedeten sich – dann waren sie wieder weg. Ein Blick zurück von Ayana. Im Auto nur noch Nicole, die Hände am Lenkrad. Sie wartete einen Moment, als müsste noch etwas passieren.
Doch dann fuhr sie heim. Allein.
Erst später begriff sie, was diese letzten beiden Tage wirklich gewesen waren: keine ereignisreichen – und doch solche, nach denen nichts mehr so war wie bisher. Ein Zeitpunkt, an dem das Leben ruhig und still weiterlief – aber in eine andere Richtung als jemals zuvor.




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