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So verschwenden Jobcenter ihre teure Arbeitszeit

Wenn Kontrolle mehr kostet als Hilfe: Eine Bürgergeld-Akte zeigt, wie Verwaltung sich selbst beschäftigt und warum Personalkosten explodieren.

Reinfeld, 14.02.2026 (ein Kommentar von Susanne Braun-Speck) – Wieder ein Schreiben. Wieder neue Nachweise. Wieder dieselbe Logik: maximaler Prüfaufwand bei minimalem Erkenntnisgewinn. Eine Bürgergeld-Empfängerin, eigentlich selbstständig, erlebt seit Monaten, wie das Jobcenter Arbeitszeit in Detailprüfungen versenkt – während Bund und Kommunen gleichzeitig über Schulden, fehlende Mittel und „Effizienz“ klagen.

Dabei kostet ein Sachbearbeiter in Besoldungsgruppe 10 zum Beispiel 61,46 € in der Stunde (beamtet), bzw. 68,08 € /Stunde (angestellt). Quelle: Personalkostentabelle SH

Die Betroffene ist alleinerziehend und wurde durch Pandemie-Folgen, ständige Regeländerungen und geplatzte Projekte beruflich aus der Spur gedrückt. Sie versucht jetzt, ein neues Business aufzubauen. Doch statt schneller, klarer Unterstützung und planbarer Regeln entsteht ein Kreislauf aus Anforderungsschreiben, Nachlieferungen, Rückfragen und erneuten Prüfungen – für beide Seiten arbeitsintensiv, teuer und zermürbend.

Bei Erstantragstellung werden bereits folgende Unterlagen verlangt:

Personalausweis/Aufenthaltstitel, Mietvertrag + aktuelle Miet-/Nebenkosten/Heizkosten (ggf. Mietbescheinigung), Kontoauszüge (i. d. R. der letzten Monate), Nachweise zu Einkommen (Lohnabrechnungen, Bescheide zu Kindergeld/Unterhalt/Renten/ALG etc.), Vermögensnachweise (Spar-/Depotkonten, Kfz, Lebensversicherungen), Krankenversicherung, Nachweise zur Bedarfsgemeinschaft (z. B. Heiratsurkunde, Geburtsurkunden der Kinder) und ggf. Nachweise zu besonderen Bedarfen (Schwangerschaft, Behinderung, Pflege). Bei Selbständigen vieles davon auch in Bezug auf  eben diese Selbstständigkeit.

Der Kern des Problems: Prüftiefe ohne Verhältnismäßigkeit

Jobcenter-Prüfungen danach und zwischendurch greifen in eine Detailtiefe, die bei Kleinstumsätzen und nachvollziehbaren Konto-Bewegungen kaum noch verhältnismäßig wirken. Der Aufwand trifft nicht nur die Betroffene (Zeit, Stress, sortieren, scannen, erklären), sondern auch die Verwaltung selbst: Sachbearbeitung, Wiedervorlagen, Aktennotizen, Abgleiche.

Und während Politik über Sparzwang redet, steigen die Verwaltungskosten im System immer mehr!

Drei Beispiele aus dem Erleben dieser Bürgergeldempfängerin:

1) Selbstständigkeit: Einzelbelege statt nachvollziehbarer Buchführung
Die Betroffene soll als Selbstständige sämtliche Einzelnachweise (Ein- und Ausgangsrechnungen) vorlegen, weil eine betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) ohne Steuerberater nicht anerkannt werde – obwohl BWA und Kontoauszüge bereits vorliegen und Einnahmen/Ausgaben darüber prüfbar sind. Nebenbei stellt sich eine Frage: Was ist mit dem Datenschutz von Kunden und Lieferanten?

2) Tochter (Studentin): „Gewerbe“ konstruiert aus einer Domain
Das Jobcenter forderte von ihrer Tochter Unterlagen wie von einer Selbstständigen, eine Gewerbeanmeldung und das Ausfüllen der Anlage EKS. Auslöser war keine echte Geschäftstätigkeit, sondern eine Domain, die ein Sachbearbeiter auf einer Eingangsrechnung ihres Internet-Providers entdeckt haben will. Daraus wurde eine angebliche Selbstständigkeit abgeleitet, obwohl die Schülerinnen-Website seit Jahren ungenutzt war: halbfertig, voller Blindtexte und Platzhalter.

3) Buchverkauf: Kleinstlücken/Minimaleinkünfte als umfangreiches Verwaltungsprojekt 
Für den Verkauf von drei (3) Community-Büchern seitens des Verlags (eines gemeinnützigen Vereins), welcher in Vorjahren Bücher kostenfrei abgab, soll sie unter anderem liefern:

  • eine lückenlose Kindle-Bestellübersicht des Verlags, sowie
  • eine schriftliche Erklärung des Verlags, dass Einnahmen aus etwaigen Onlineshop-Verkäufen nicht ausgekehrt wurden.

Wir sprechen hier von drei Kindle-Büchern im genannten Zeitraum im Wert von 30 Euro, wovon Amazon 30% einbehält, und 70% komplett beim Verlag geblieben sind. Die Community-Buchautorin hat 0,00 Euro erhalten.

Jobcenter verschwenden also ihre teure Arbeitszeit

Sie lösen Arbeitsaufwände bei sich und den „Kunden“ aus, die um ein vielfaches höher sind, als die infrage stehenden Beträge. Im Beispiel: Buchverkäufe, ein möglicher Verdienst von 3-6 Euro, Arbeitsaufwand auf beiden Seiten, ca. 30 Minuten (wegen mehrerer Vorgänge zum gleichen Thema). Ergeben Personalkosten in Höhe von ca. 35 € beim Jobcenter (sofern der Sachbearbeiter nur auf Entgeltstufe 10 beschäftigt ist), zzgl. die vom (selbstständigen) BG-Empfänger und dem Verlag.

Damit liegen die Kosten für die Klärung bei circa 70 €, also weit über dem infrage stehende Einkommen.

Das ist sinnlose Verwaltung bis zur letzten Kommastelle – trotz Personalmangel, Überlastung und ausufernden, nicht zielführenden Personalkosten im öffentlichen Dienst.


Kosten des Systems:

Die Personalkosten in Jobcentern sind Teil der Verwaltungsausgaben, die in den letzten Jahren gestiegen sind. Im Jahr 2025 lagen die Verwaltungskosten (inklusive Personal) pro erwerbsfähigem Bürgergeld-Empfänger bei durchschnittlich ca. 2.046 Euro pro Jahr. Insgesamt stiegen die Verwaltungskosten für das Bürgergeld 2025 auf fast acht (8) Milliarden Euro, hat das BIAJ (Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe, URL zur PDF) ermittelt.

Hier muss sich dringend etwas ändern – wozu haben wir die Digitalisierung und Prozessoptimierungsmethoden, wozu den Willen der Regierung zu Entbürokratisierung? Direkt sollte es nur noch punktuelle Überprüfungen geben, Belege nur soweit wirklich benötigt angefragt, Daten von indirekt Beteiligten wie Kunden, dürfen nicht verlangt werden und bei Bagatellbeträgen soll schlichtweg gar nichts geprüft oder belegt werden.

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Autorin: Susanne Braun-Speck aus 23858 Reinfeld (Holstein) ist Fachbuchautorin für Nachhaltigkeit und Digitales, Vorsitzende des sii-talents e.V. und hat ganzheitliches Denken und Lösungsorientierung stets im Blick. Nachdem zu Weihnachten 2025 ihr erster Roman erschien, Titel: Existenzgefahr (Link zum Buch beim Verlag), startet sie jetzt neu durch mit dem DenkRadar.de. Private Website: sbraun-speck.de

Foto: mit ChatGPT generiert

Personalkostentabelle SH: URL

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