Prolog – Eine Szene, die Nicole träumte
Das Studio, hell erleuchtet. Durch die Glaswände im Hintergrund fiel das Dämmerlicht der Stadt. Es herrschte konzentrierte Stille, während die roten Lichter an den Kameras blinkten. Ein Politik-Talk am frühen Abend.
Fünf Gäste saßen auf dem Podium: der Ministerpräsident des Bundeslandes, ein Digitalberater, ein Wirtschaftsvertreter, eine weithin bekannte Schulleiterin – und Nicole. Alles war perfekt arrangiert: Expertise, Diversität, Glaubwürdigkeit.
Nicole saß mittendrin und spürte die Hitze der Scheinwerfer. Sie trug, wie die Herren, Business-Kleidung in Anthrazit. Dezent geschminkt, die Haltung aufrecht, die langen Haare zusammengebunden. Auch ihre Rolle wurde eingeblendet: Vorsitzende einer Non-Profit-Organisation, Referentin für digitale Bildung.
Eine Runde, die nach Kompetenz aussah, nach Systemvertrauen, nach der schönen Idee, dass unterschiedliche Sichtweisen auf Augenhöhe verhandelt wurden.
Es ging los.
Der Moderator kündigte das Kernthema an: digitale Bildung im Wandel der Wirtschaft. Ein scheinbar klassischer Talk, gut vorbereitet. Doch eine Teilnehmerin war keine bloße Vertreterin einer Interessengruppe, sondern Betroffene und Kritikerin zugleich.
Der Überraschungsgast war Nicole. In diesem neuen Format sollte sich das Diskussionsthema unerwartet ändern – ohne Wissen der anderen.
Das Gespräch begann kontrolliert, glatt wie eine stille Wasseroberfläche. Die Teilnehmer diskutierten eine ganze Weile über Chancen, Wandel, Zukunft – den Anforderungen in Bezug auf digitale Bildung. Ruhig, präzise, abgeklärt. Nichts verriet, dass hinter Nicoles Stimme eine andere Wahrheit lag.
Dann bog der Moderator mit gezielten Fragen ab und nickte Nicole beinahe unsichtbar zu – der Moment schien gekommen. Ein tiefer Atemzug, sie griff in ihre Tasche und zog drei Schreiben hervor: eine Zahlungsaufforderung der Investitionsbank sowie Renten- und Bürgergeldbescheid, mit ihrem Namen darauf. Sie beugte sich etwas vor und hielt sie dem Ministerpräsidenten hin.
Kein Wort. Nur Papier zwischen ihnen.
Er nahm es. Überflog es. Kaum wahrnehmbar zuckten seine Mundwinkel. Dann hob er den Blick. In seinen Augen lag ein kurzer, unmaskierter Moment: Vor wenigen Minuten war Nicole noch eine Diskussionspartnerin mit Fachexpertise gewesen. Jetzt, schwarz auf weiß, war der Eindruck ein anderer. Wie passte das zusammen?
„Das“, sagte Nicole leise, „ist meine Realität. Drei Jahrzehnte ohne Ende arbeiten. Steuern zahlen als Unternehmerin. Engagement im Bildungssystem. Unzählige Krisen überstehen – alleinerziehend. Und trotzdem: Bürgergeld, das nicht zum Leben reicht. Später eine Rente, die nicht zum Sterben reicht. Beides ungefähr so hoch wie die neue Diätenerhöhung der Landtagsabgeordneten.“
Stille. Kein Applaus. Kein Schnitt.
Die Kameras surrten weiter, unbarmherzig. Das grelle Licht schien den Raum zu überfluten, bis in die letzte dunkle Ecke der politischen Verantwortung. In diesem Moment wünschte Nicole sich, dass sie es fühlten. Nicht Mitleid, sondern Scham.
Scham über sich selbst und ihre Politik.
Stürmischer Montag
Herbst, Mitte Oktober 2025: Es war Montagmorgen, 9 Uhr in Norddeutschland. Draußen peitschte der Wind das Laub durch den Garten; Regen raste in Strömen vom Himmel hinab. Irgendwo schepperte Metall auf Metall – vermutlich die Dachrinnen, die Handwerker zwei Häuser weiter zu befestigen versuchten. Nicole sah aus dem Vorderfenster im Obergeschoss, erkannte aber nur die wogenden Baumwipfel am See. Es war grau und stürmisch. Kein Mensch war auf der Straße.
Sie ging in ihr kleines Büro und stellte sich an den höhenverstellbaren Schreibtisch. Das Wochenende lag noch wie ein warmer Spätsommer in ihr: Geburtstagsfeier bei Karina am Samstag, Brunch vorm Kamin bei Gabriele am Sonntag. Gute Gespräche und ehrliche Nähe. Momente, die sie trugen. Das heutige Wetter konnte diese Stimmung nicht trüben.
Mit einem Kaffeebecher in der Hand stand sie da und aktualisierte ihre E-Mail-Postfächer. Der Kaffee war inzwischen so weit abgekühlt, dass sie ihn trinken konnte – es war bereits der zweite heute Morgen. Dabei blinzelte sie über den Tassenrand hinweg und überflog die neuen Nachrichten. Auf den ersten Blick: nichts Besonderes – eine Kundennachricht, Newsletter, üblicher Kram.
Dann sprang ihr ein Betreff ins Auge, als wäre er mit einem Leuchtstift markiert:
„Nachfrage zur Bearbeitung Ihres Antrags auf Corona-Soforthilfe“ – Absender: Investitionsbank.
Das Surren des Rechners schien lauter zu werden und der Sturm von draußen plötzlich durch ihr Büro zu wehen. Dieses Schreiben kündigte nichts Gutes an!
Nicole holte tief Luft und rückte ihre Brille auf der Nase zurecht. Aufgeregt las sie, was darin geschrieben stand.
„… Der Zweck der Corona-Soforthilfe bestand darin, den Liquiditätsengpass auszugleichen, der … durch Corona-bedingte Maßnahmen entstanden ist. … einzureichen: Betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) für den Förderzeitraum …“
Sie wusste sofort, was das bedeutete: Eine sehr wahrscheinliche Rückforderung – mehr als fünf Jahre später.
In Nicole stieg ein überwältigendes Gefühl von Verzweiflung auf – roh, direkt, ohne Vorwarnung. Und dahinter ein klarer Gedanke: ‚Es reicht!‘
Nicht wegen dieser einen E-Mail.
Sondern weil sie unzählige Male erlebt hatte, wie neue Gesetze, nicht zu Ende gedachte Politik und weltweite Krisen sie trafen – oft mit voller Wucht. Immer wieder. Manches hatte nur für Unsicherheit gesorgt, anderes hatte sie beinahe in den Ruin getrieben.
Nicole hatte Fehler gemacht, sicher. Aber die schlimmsten Narben hatte sie sich nicht selbst zugefügt. Dieser neue Vorgang schnitt eine frische Wunde und riss Alte auf:
„Ich war mal jemand“, dachte sie bitter. „Ich war eine erfolgreiche Unternehmerin.“ Sie sah sich selbst wieder, wie sie mit Ende zwanzig ihr Start-up gründete – spontan, naiv, mutig und voller Ideen, wie der Arbeitsmarkt der Zukunft aussehen könnte.
Und jetzt? Alles weg. Verbrannt im Dauerfeuer der Krisen.
1996 hatte sie gegründet und eine Vermittlungsagentur für Freiberufler aufgebaut. Zwei Jahrzehnte lang war sie Unternehmerin gewesen – und ein Versuchskaninchen der Sozial- und Wirtschaftspolitik, eingerahmt von globalen Krisen!
Dennoch: ihre Agentur expandierte; mehrere Franchise-Niederlassungen in ganz Deutschland wurden eröffnet. Nicole erinnerte sich verdammt gut daran, wie sie jahrelang unfassbar viel gearbeitet hatte: gefühlt 24/7; in jedem Fall sechs bis sieben Tage die Woche. Fast immer zehn bis vierzehn Stunden am Tag. Und ja: eine Zeitlang verdiente sie auch sehr gut – ihre Rente war schon gesichert gewesen.
Aber der Krisenmodus hörte nie auf: Alle zwei, drei Jahre der nächste Schlag. Doch irgendwie war sie durchgekommen. War immer wieder aufgestanden! Hatte sich neu erfunden. Bis Corona kam.
Nun: Selbst nach dieser schwierigen Zeit hatte sie wieder etwas Neues geschaffen: über ihren Verein Fördermittel beschafft, spannende Projekte durchgeführt und Preise gewonnen. Doch es war stets zu wenig. Zu viel Ehrenamt, zu wenig finanzielle Sicherheit. Marktgerecht verdienen, Rücklagen bilden? Unmöglich!
Und jetzt, im zweiten Halbjahr 2025? Nicole stand an ihrem Schreibtisch und holte tief Luft.
Sie war sich so sicher gewesen… hatte mit einem neuen Projekt ab September, spätestens Oktober gerechnet. Vorher monatelang konzipiert, geplant, Fördermittelanträge gestellt. Zwischen zehntausend Euro und einer Million hatten im Raum gestanden und sie sich schon vorgestellt, wie es sein würde: ein Team aufbauen mit Leuten aus ihrem Netzwerk, drei Jahre Stabilität, echte Wirkung.
Und dann: Ablehnung. Nicht nur der große Fördermittelantrag – alle Bewerbungen. Ein immenser Stapel unbezahlter Vorarbeit, Herzblut, Hoffnungen – zerfallen zu einem Wort: „Leider nicht.“
Es war, als seien alle Türen gleichzeitig zugefallen. Für sie persönlich hieß das: kein Projekt, kein Einkommen, 0,0 Euro. Einfach: nichts. Nicole stand wieder am Anfang. Nur, dass sie diesmal keine 28 und keine 40 mehr war, sondern 50plus!
‚Und jetzt?‘ fragte sie sich betrübt.
Gedanklich blätterte sie in ihrem LinkedIn-Beitrag über die Situation des Vereins zurück, den sie vor Kurzem geschrieben hatte.
„Es ist (fast) aus. Wie schrecklich ist es, ein Herzensprojekt zu verlieren? Eins, das dich lange Zeit angetrieben hat – weil du die Welt ein Stück besser machen wolltest? 2010 sah ich, wie hochbegabte und kreative Kinder in unserem Bildungssystem untergehen und fing 2011 an, mich zu engagieren. Ich vernachlässigte mehr und mehr meine (sehr gut laufende) IT-Personalagentur, organisierte und finanzierte Engagement in Schulen – privat.“
Sie berichtete, dass der Verein nach 14 Jahren Einsatz, zahllosen Projekten, Auszeichnungen und diversen Berichten in der Presse vor dem Aus stehe. Er habe keine weiteren Mittel für sein Engagement im Bildungssystem erhalten. Es gab keine Chance, sich weiterhin gemeinnützig zu engagieren, denn ein „Weiter so” ohne finanzielle Unterstützung war nicht möglich.
Nicole stand an ihrem Schreibtisch, schüttelte den Kopf und verlagerte ihr Gewicht auf ein anderes Bein.
Ein Schrei saß in ihrer Kehle, aber er kam nicht heraus. Er blieb stecken, genau wie ihr Leben. ‚Das, nach allem, was ich in den letzten Jahrzehnten geleistet und durchgestanden habe?‘
Sie hatte für den Lebensunterhalt ihrer Ein-Eltern-Familie allein gesorgt, ihre Tochter ohne Unterhalt, ohne Hilfe von der Windel bis ins Studium gebracht. Sie hatte ihre Firma geführt, später den Verein.
Jetzt, in der Gegenwart, stand sie da: ohne Firma, ohne Projekt, mit einem Konto, das bedrohlich Richtung Null tendierte. Und starrte auf dieses Schreiben der Investitionsbank.
Nicole umklammerte ihren Kaffeebecher und presste die Zähne zusammen. „Loslassen“, befahl sie sich, doch ihr Kiefer gehorchte nicht.
Zukunft gestalten – aber wie? Der LinkedIn-Newsletter, den sie im letzten Jahr eingerichtet hatte, trug diesen Titel. Passend zu einem Community-Fachbuch, welches sie herausgegeben hatte. Doch in diesem Moment wusste sie nicht einmal, wie sie die nächste Woche gestalten sollte…
Nicole fühlte sich wie ein Wildpferd, das aus allen Richtungen bedrängt wurde, bis kein Fluchtweg mehr offen stand! Eine Peitsche von links, ein Hieb von rechts, dahinter Geschreie, davor ein Gatter – die Falle.
Auch andere schienen keine Ahnung zu haben, wie es weitergehen sollte. Nicole erinnerte sich an ein Telefonat, welches sie neulich mit einem Bekannten von der Wirtschaftsförderung geführt hatte. Sie hatte auf gute Ratschläge gehofft, aber schon im Ansatz war klar geworden: die allgemeine Situation im Land war unsicher. Sie hatten unter anderem über Zielgruppen für ihr jüngstes Konzept geredet.
Nicole hatte gesagt: „Einerseits ist das Bildungssystem eine der Zielgruppen“.
„Die haben doch kein Geld“, meinte er – tiefe Überzeugung lag in seiner Stimme.
Sie, leicht frustriert: „Ja, ich weiß. Kommunen sind aber auch eine Zielgruppe.“
Seine nächste Antwort klang fast belustigt: „Erst recht nicht. Da geht doch finanziell nichts mehr!“
Nicole räusperte sich und nannte noch die letzte Möglichkeit: „Die Wirtschaft kann das für ihr Nachhaltigkeits-Management nutzen.“
„Na ja, da sitzt das Geld derzeit auch nicht gerade locker. Vielen KMU geht es schlecht.“
Wirklich hilfreiche Ideen hatte er nicht. Nach diesem Gespräch blieb ein einziger, bedrückender Gedanke: Allen ging es immer schlechter. Und diejenigen, die nicht laut wurden, traf es zuerst – Solo-Selbstständige, kleine Betriebe, Alleinerziehende, Rentner, Sozialhilfeempfänger. Menschen ohne starke Lobby und zu wenig Macht. Menschen, die schneller ins Rutschen gerieten als alle anderen.
Deutschland, Europa – eigentlich die ganze Welt – steckte in einer vielschichtigen Krise: Zölle und Preise waren gestiegen, Despoten brachten die Welt ins Wanken und Klimawandel wie Kriege nährten die Angst. Gleichzeitig erhöhte die KI-Revolution den Druck auf Wirtschaft und Bildung. Und: Überall herrschten Sparzwänge. Überall Unsicherheit.
Mitten in diesen Verschiebungen – und in einer persönlichen Phase, in der ihre Tochter endlich groß war, studierte und Nicole sich theoretisch wieder auf sich und ihr Business konzentrieren könnte – war sie plötzlich arbeitslos und voller Zukunftsangst.
Geblieben waren Nicole nur ihr Kopf – und ihr Zuhause.
Hoffnung? „Hoffnung ist der Tod des Kaufmanns? Warum eigentlich?“, fragte sie sich und gab die Frage an eine Suchmaschine weiter. Ergebnis:
„Hoffnung führt zu falschen strategischen Entscheidungen; ein Kaufmann muss sich aber auf Fakten stützen, nicht auf Wunschdenken.“
Doch wie sollte Nicole Entscheidungen auf Basis einer objektiven Analyse treffen, wenn unzählige Stakeholder ständig Einfluss auf Arbeit und Leben nahmen? Sie fühlte sich machtlos. Ausgeliefert.
Aktuell fühlte sie sich insbesondere der Investitionsbank ausgeliefert, denn: Diese war nicht nur Vergabestelle der Corona-Soforthilfen, sondern auch Kreditpartner für die Sanierungsmaßnahmen an Dach und Fassade ihres Hauses gewesen.
Im April – in sechs Monaten – lief die Zehnjahresbindung aus. Vielleicht verfolgten sie Nicole deshalb so hartnäckig? Weil bei ihr noch etwas zu holen war? Ihr Haus. Der Gedanke an einen Interessenkonflikt und das Machtgefälle schnürte ihr die Kehle zu.
Wenn sie auch noch ihr Haus verlor, … dann wären all die Jahre des Arbeitens und des Durchhaltens umsonst gewesen.
Nicole schüttelte sich wie ein nasser Hund. Innerlich war ihr kalt und heiß zugleich. Doch dann: ihre Verlustangst wurde von Wut verdrängt. Nein! Sie wollte nicht mehr. Sie wollte nicht erneut ertragen, dass ihr – von Amts wegen, durch einen Sachbearbeiter – die Existenz geraubt wurde.
Sie wollte nicht länger schweigen und alles allein schultern, was da auf sie zukam. Der Gedanke an eine Wiederholung ihres früheren wirtschaftlichen Zusammenbruchs, mit all den alten Sorgen im Schlepptau, nahm ihr die Luft. Vielleicht schlimmer als jemals zuvor. Sie musste aktiv werden – aber wie? Eine Antwort hatte sie noch nicht.
Doch musste sie sich zusammenreißen. Funktionieren – wie immer. Pflichten erfüllen – wie immer. Logisch an die Sache rangehen – wie immer.
Für diesen Moment beendete sie ihre Arbeit am Schreibtisch und ging mit dem Hund hinaus. Es wurde Zeit.
Sammy lief im Erdgeschoss bereits unruhig hin und her. Jacke an, Leine anbringen, Tür öffnen. Der Wind pfiff um die Hausecke, und der Hund legte die Ohren an. Trotzdem ging Nicole entschlossen hinaus. Der Weg zum See war Routine – ein kleines Stück Normalität inmitten des Chaos.
Die frische Luft tat Nicole gut, Bewegung ebenfalls –, doch ihre Gedanken blieben alles andere als frei.
Die Akte wird eröffnet
Nicole kehrte so schnell wie möglich wieder nach Hause zurück, streifte Jacke und Schuhe ab, wusch sich die Hände, kochte sich einen Tee und setzte sich wieder an den PC, um zum Thema Corona-Soforthilfen zu recherchieren.
Das war ihr Ding: sich umfassend informieren, alles verstehen wollen. Danach eigene fundierte Schlüsse ziehen können.
Zuerst stellte sie sich eine einfache Frage: „War dieses Thema nicht längst erledigt?“ Vor kurzem hatte sie gelesen, dass die Bundesländer kein Interesse mehr daran hätten, für den Bund derartige Gelder zurückzufordern – denn sie trugen die Verwaltungs- und Gerichtskosten, profitierten jedoch nicht davon.
Entsprechend recherchierte sie im Internet und ja:
„Der Aufwand für die Rückforderungsverfahren ist hoch –
Verfahrenskosten drohen den Nutzen zu übersteigen“, stand sinngemäß in einem Artikel der „Deutschen Welle“ aus Oktober geschrieben.
Trotzdem hatte Nicole diese E-Mail von der Investitionsbank erhalten – ein klares Zeichen, dass der Vorgang alles andere als abgeschlossen war. Sie suchte weiter, las Gerichtsurteile, Kommentare und aktuelle Berichte. Zusätzlich recherchierte sie nach Informationen mit Stand März 2020 – doch vieles davon war verschwunden. Das Internet wirkte wie ausgedünnt.
Auf ihrem Rechner fand sie schließlich eine besondere PDF-Datei, die irgendwann heruntergeladen und gespeichert worden war: eine Analyse der Bundesrechtsanwaltskammer mit dem letzten Bearbeitungsdatum vom 3. April 2020.
Die Autoren hatten sorgfältig recherchiert, Quellen gesammelt und Weblinks dokumentiert. Viele davon waren heute nicht mehr erreichbar oder durch neuere Inhalte überschrieben.
„Wie kann ich bloß die Originaldaten wiederfinden?“ fragte sie in den Raum hinein, in dem niemand anderes war als sie. Hier fand sie die Antwort nicht. Aber: In der Woche zuvor hatte Nicole eine Videokonferenz mit einem ehemaligen Journalisten aus Hamburg geführt und mit ihm über Medienkompetenz-Förderung gesprochen – unter anderem über Recherche-Kurse für Schüler:innen, welche ihr Verein schon lange Zeit anbot.
Nun schrieb sie ihm auf LinkedIn:
„Hey, guten Morgen! Kannst du deine Erfahrungen mit investigativer Recherche mit mir teilen? Völlig unerwartet muss ich Informationen finden, die anscheinend im ganzen Internet – auch auf den Seiten von Institutionen des Landes – verschwunden sind. Einiges habe ich händisch und mit KI schon gefunden, aber vielleicht gibt es mehr. Kannst du helfen?“
Er antwortete, sie schrieben kurz hin und her. Dann sein letzter Tipp: „Wende dich doch zudem an eine investigative Redaktion. Das sind die Profis – die kommen an Informationen, die schwer zu finden sind. Fass deinen Fall kurz und knackig zusammen, mit Belegen. Schreib auch dazu, dass du für einen Dreh zur Verfügung stehst. Viel Erfolg!“
Nicole tat genau das.
In Windeseile verfasste sie eine Zusammenfassung und notierte die Eckdaten. Anschließend kontaktierte sie die Redaktion, die ihr empfohlen worden war. Außerdem wusste sie von einem Politiker, der vermutlich Interesse daran hätte, das Thema wieder aufzurollen, da er gerade in der Opposition war. Für ihn wäre es gute Öffentlichkeitsarbeit – und im Sinne potenzieller Wähler: innen seiner Partei.
Dennoch schrieb sie zunächst nur die investigative Redaktion an. Für den Politiker hatte sie eine vorbereitete Nachricht bereits entworfen, jedoch nicht abgeschickt.
Zum Ende des Tages fühlte sich das wie ein kleiner Hoffnungsschimmer an. Vielleicht konnte ihr die Einbindung der Öffentlichkeit nutzen. Vielleicht würde sie Verbündete finden: andere Solo-Selbstständige und KMU, die ebenfalls bereits im März 2020 beantragt und im April zum Neuantrag bewegt worden waren? Nicht allein dazustehen, sondern sich gemeinsam für Gerechtigkeit einzusetzen, wäre schön!
Doch trotz dieser Gedanken blieb vieles ungewiss – und tiefe Unruhe breitete sich in Nicole aus. Die Fragen wurden mehr, nicht weniger – entsprechend fand sie in dieser Nacht kaum Schlaf.
…
Der neue Morgen wirkte, als wäre nichts geschehen. Regen und Sturm waren vorbei, keine Handwerker zu hören, im Wohngebiet war es still, als hielte die Welt den Atem an. Nicoles Tochter hatte in der WG von zwei Studienkollegen übernachtet; sie war also allein – nur Katze und Hund leisteten ihr Gesellschaft.
Nach außen hin war alles normal. Doch in Nicole hatte sich alles festgezogen. Ihr Brustkorb fühlte sich eng an, die Schultern waren hart wie Bretter, der Nacken schmerzte. Sie saß am Schreibtisch und wusste: Für die Welt war es ein Dienstag; für sie war es der Tag danach. Der Tag, nachdem sie die E-Mail zu den Corona-Soforthilfen erhalten hatte.
Hilfen … Für Nicole wirkte es eher wie ein schleichend eintretender Tod – eingeleitet von öffentlicher Hand.
Sie öffnete ihr E-Mail-Archiv. Das beharrliche Archiv, in dem sie 2020 jede Nachricht zu den Corona-Soforthilfen abgelegt hatte: Versand ihres Antrags, automatische Antworten, echte Nachfragen. Ein stilles Zeugnis dessen, was gewesen war:
Am 29.03.2020 hatte sie den Antrag bei der Investitionsbank per E-Mail gestellt, nach den damals gültigen März-Regeln. Am nächsten Tag kam die Eingangsbestätigung. Die Info „Antrag im System erfasst“ folgte am 2. April. Die Sache schien erledigt.
Doch dann, am 07.04.2020, der Schwenk: eine Aufforderung zur Neuantragstellung kam rein. Pflichtbewusst leistete sie dem Folge. Bei dieser Erinnerung erstarrte Nicole. Denn sie wusste jetzt, was sie damals nicht geahnt hatte: Die Regeln waren geändert worden und sie in eine Falle getappt.
Fünf Jahre später, am 13.10.2025, folgte der letzte Akt der Bürokratie: die Abfrage von Daten samt BWA-Anforderung. Frist dafür: vier Wochen.
→ Rückforderung drohte.
Nun: Abschließend fertigte Nicole Screenshots an, speicherte jede einzelne Nachricht zusätzlich als PDF; denn sie wollte, dass die Geschichte nicht nur in ihrem Gedächtnis existierte, sondern in Dokumenten, die auch ohne sie sprechen konnten.
Das waren Beweise, eine lückenlose Spur dessen, wie die Investitionsbank vorgegangen war und ihr Vertrauen ausgenutzt hatte. ‚Dürfte eine Landesbank so etwas tun? War das noch anständiges Geschäftsgebaren – oder bereits das Gegenteil?‘ fragte sie sich im Stillen.
Nicole atmete tief ein; die Enge im Brustkorb lockerte sich etwas, aber die Verspannungen blieben. Auch ihr rechter Arm schmerzte – vermutlich nur eine Überlastung durch zu viel Gartenarbeit? Hoffentlich keine Sehnenscheidenentzündung.
Im Anschluss suchte sie die E-Mails einer anderen staatlichen Institution heraus, mit der sie sich damals über den Unternehmerlohn im Rahmen der Soforthilfen ausgetauscht hatte. Das war im April gewesen.
Doch sie fühlte sich nicht bereit, auch diesen Teil erneut durchzugehen oder gar öffentlich zu machen. Zu groß erschien ihr das Risiko, damit ein öffentliches Drama auszulösen – zumindest in der Region.
Nur die letzte Nachricht eines leitenden Mitarbeiters ließ sie einfach nicht los. Er hatte damals abschließend geschrieben, jede Menge Leute aus seiner Institution auf Kopie gesetzt:
„Ich bin froh, dass wir es durch unser aller Bemühen geschafft haben, den Unternehmerlohn bzw. die Personalkostenzuschüsse für Geschäftsführer kleiner KMU und für Solo-Selbstständige aus der Förderung herauszubekommen.”
“Froh?” fragte Nicole kopfschüttelnd ihren Bildschirm.
Über diesen hinterhältigen Schatten, der sich vernichtend über Selbstständige geworfen hatte? Aus einem Umfeld, dessen Aufgabe es eigentlich war, die gewerbliche Wirtschaft zu unterstützen? Der Gedanke, dass Nicole wegen eines Missverständnisses möglicherweise selbst unbeabsichtigt dazu beigetragen haben könnte, war für sie schwer zu ertragen. Ihre Antwort darauf war am 14. April 2020 auf jeden Fall gewesen:
„Dann ist die Ungleichbehandlung ausgeräumt … Aber: Es hätte das Gegenteil erreicht werden müssen! Wie soll in der Corona-Krise KEIN Arbeitsplatz verloren und ALLE Unternehmen überleben, wenn die KMU-Chefs, Solo-Selbständigen und Freiberufler selbst „verhungern“? Wie sollen sie ihre Kraft, Mut und ihren Kampfgeist behalten? Wie? Mit Hartz4? Mit 150,60 € im Monat für Lebensmittel inkl. Getränke? Oder sollen sie jetzt zu den (geschlossenen) Tafeln gehen? Das, während sie als Letztes das sinkende Schiff (ihre Firma) verlassen und um Erhalt kämpfen? Um Erhalt der Arbeitsplätze für ihre Mitarbeiter und sich?”
So hatte Nicole das damals geschrieben.
Abschließend: „Alle Soforthilfen MÜSSEN Chefgehälter jeder Unternehmensform, d.h. auch als Privatentnahmen bei steuerlich anerkannten Freiberuflern, enthalten. DAS ist die einzige Möglichkeit, insbesondere in SH als Urlaubsland, um den Klein- und Mittelstand nicht zu verlieren!
Diese Wirtschaftskrise ist politisch gemacht und die Schuld tragen nicht die Unternehmer, sondern die Entscheider in der Politik. Die vernichtet uns gerade! Massenhaft! Dagegen muss etwas getan werden!“
Aber: Leider war es längst zu spät gewesen. Die Würfel waren bereits zuungunsten der Kleinunternehmer gefallen.
…
Nicole druckte diese E-Mails im Heute und Jetzt nun doch als PDFs. Sie passte einige der Dateinamen noch einmal an und kopierte den ganzen Ordner sowohl auf ihren Server als auch in ihren Nextcloud-Speicher beim Internetprovider.
Nur zur Sicherheit – falls ihr PC ausfallen oder zerstört werden sollte. Diese Daten würden Beweise sein. Falls ihr Widerspruch nicht reichte und sie am Ende verklagt werden würde.
Fertig damit. Was jetzt? Ihr Kopf lief nur auf einer Frequenz: Wie wurde sie das Soforthilfe-Problem los? Und wie konnte sie jetzt schnell Geld verdienen, da das erwartete Projekt nicht stattfand?
Mit ihrem DenkRadar hätte sie am liebsten durchgestartet – aber ohne Fördermittel kein Start. Und ohne Start keine Nutzer, besonders nicht Kommunen und Schulen, die keine Budgets hatten, wie der Bekannte von der Wirtschaftsförderung ja so belustigt untermauert hatte.
DenkRadar war ihre jüngste Projektentwicklung. Ein dreiteiliges Portfolio: ein KI-gestütztes Recherche-Tool basierend auf den vier Nachhaltigkeits-Dimensionen, dazu eine selbst entwickelte Debatten-Methode und eine klare Struktur für Beteiligungsprozesse. Ziel war, Informations-Dilemmata aufzulösen und Menschen – Bürger und andere Stakeholder – einzubinden, damit Wissen entstand, bevor Meinung gemacht wurde. Nutzbar in Debatten, Team-Meetings, Demokratiebildung, BNE-Workshops, Beteiligungsprozessen und redaktioneller Projektarbeit.
Das Konzept war stark – trotzdem hatte sich kein Fördermittelgeber am Ende dafür entschieden. Obwohl die Rückmeldungen alle inhaltlich positiv gewesen waren, blieben Zusagen aus.
Nicoles Gedanken kreisten um Alternativen. Ob sie einfach weitermachen sollte wie in den letzten Jahren? Workshops geben, einzelne Schulprojekte durchführen, etwas Webdesign?
Kostenfreie Angebote des Vereins würde es dieses Schulhalbjahr, und damit von ihr, auf jeden Fall nicht geben.
Sie beschloss spontan, Werbe-E-Mails zu versenden. Der innere Druck war hoch, fast panisch, aber sie kanalisierte ihn. Zuerst schrieb Nicole alte Webdesign-Kunden an und bot Updates an. Fünf Vorschläge hatte sie vorbereitet, darunter barrierefreie Verbesserungen – ein aktuelles Thema; für Firmen mit mehr als zehn Mitarbeitern ein Muss. Am Nachmittag kamen die ersten positiven Antworten.
Ihr rechter Unterarm schmerzte und sie war müde von der letzten Nacht, in der sie schlecht geschlafen hatte. Trotzdem entwarf sie auch noch einen Newsletter für Schulen und Lehrkräfte. Sie schrieb und gestaltete ihn direkt auf der Website und jagte ihn dann nacheinander raus: erst an alle Kontakte in Schleswig-Holstein, später an die aus Hamburg. Nur an Lehrkräfte und Schulleitungen weiterführender und berufsbildender Schulen, nicht an die Primarstufe.
Im Betreff stand: „Digital lernen, nachhaltig handeln, unternehmerisch denken – aktuelle Projektangebote“. Darunter kurze Erläuterungen und eine klare Handlungsoption für interessierte Lehrkräfte.
Der Tag verflog damit in Windeseile.



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