Lübeck „im Sturm der Wut“: Einsatz für Gleichstellung und Vielfalt
Ein Feature von Susanne Braun-Speck zur 29. Bundeskonferenz der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten in Lübeck. Mit sinngemäßen Aussagen von der stellvertretenden Ministerpräsidentin Aminata Touré, sowie den Gastgeber:innen Elke Sasse, Jan Lindenau, sowie Judith Rahner und Tinka Frahm, etc. sowie Frauen aus der Region Stormarn.
Für einen kurzen Moment fühlte ich mich, wie die anderen wohl auch, wie ein Star: Ein Spalier aus Frauen stand in der Musik- und Kongresshalle Lübeck (MUK) und bejubelte klatschend die eintretenden Teilnehmerinnen des sonntäglichen Empfangs. Doch diese stärkende Geste hielt nur für einen kurzen Augenblick an – die Realität holte mich sofort wieder ein, als ich einige Demo-Plakate sah: „Ich bin wütend, weil …“
Denn diese Wut kenne ich. Nicht nur als Beobachterin. Nicht nur als Autorin. Sondern als Frau. Als Selbstständige. Als alleinerziehende Mutter. Als jemand, der über Jahrzehnte doppelte Verantwortung getragen hat. Am Ende holt einen doch die bittere Erkenntnis ein: Wer als Frau berufliche und familiäre Verantwortung übernimmt, Care-Arbeit leistet, wirtschaftliche Risiken trägt und gleichzeitig versucht, gesellschaftlich etwas beizutragen, landet trotzdem im Abseits. Spätestens bei Rentenbeginn!
Genau deshalb war die Demonstration am 18. Mai 2026 von der MuK bis zum Holstentor für mich weit mehr als ein bloßer Programmpunkt im Konferenzplan.
Sie war ein Gefühl von: Endlich trete ich mal für die Rechte von Meinesgleichen ein – und nicht für bessere Bildung oder so. Für ein tief sitzendes, strukturelles Problem in unserer Gesellschaft!
Rund 700 kommunale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte sowie Unterstützerinnen demonstrierten am Montagnachmittag in Lübeck lautstark gegen Gewalt, Sexismus, Antifeminismus und die strukturelle Benachteiligung von Mädchen und Frauen.
Die Aktion fand im Rahmen der 29. Bundeskonferenz der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten statt, die mehr als 500 Teilnehmerinnen nach Schleswig-Holstein zog.
Der Titel der Konferenz lautete:
„Feministischer Kompass: Kurs halten in antifeministischen Gewässern.“
Antifeminismus bezeichnet soziale und politische Bewegungen sowie Ideologien, die sich gezielt gegen die Gleichstellung der Geschlechter, gegen Frauenrechte und gegen emanzipatorische gesellschaftliche Fortschritte wenden.
Antifeminismus wächst – genau darauf wiesen die Veranstalter:innen und Redner:innen hin. Er zieht sich quer durch Politik, Medien und gesellschaftliche Debatten. Er bedroht Gleichstellung, Selbstbestimmung, Vielfalt und Demokratie. Das ist keine kleine Randnotiz im politischen Alltagsgeschäft. Das ist ein unüberhörbares Alarmsignal.
Die Teilnehmer:innen aus ganz Deutschland wurden am Sonntagabend beim Empfang der Stadt auch von Bürgermeister Jan Lindenau begrüßt. Auch er meint: Wer Frauenrechte zurückdrängen will, greift nicht nur einzelne Gruppen an. Es geht immer auch um Macht, Teilhabe und demokratische Grundprinzipien. Oder wie BAG-Bundessprecherin Tinka Frahm es treffend formulierte: „Antifeminismus bedroht die Grundsätze unserer Verfassung.“
Gastgeberin Elke Sasse, Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Lübeck, benannte die Realität ungeschminkt: Männergewalt bestimme weiterhin den Alltag vieler Frauen. Zu Hause. Im Netz. Auf der Straße. Am Arbeitsplatz. Sie leitet das Lübecker Frauenbüro, das die gesellschaftliche Gleichstellung konsequent vorantreibt. Und dieses Engagement wird gesehen: Elke Sasse bekam bei jedem einzelnen Auftritt auf dieser Konferenz jubelnden, absolut verdienten Applaus aus dem Saal – und auf der Straße.
Ihr gelebter Ansatz trifft den Kern der Debatte:
Chancengleichheit kann nur dann erreicht werden, wenn es im gesellschaftlichen Miteinander schlicht keine Rolle mehr spielt, welches biologische oder soziale Geschlecht die Menschen haben.
Gleichstellung bedeutet eben, dass allen Frauen und Männern die exakt gleichen Möglichkeiten zustehen, ihr persönliches und berufliches Potenzial zu entfalten – und dass endlich die Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit sie das auch tatsächlich tun können.
Doch von diesen Rahmenbedingungen sind wir oft weit entfernt.
Neben körperlicher und digitaler Gewalt blockiert ein System Frauen wirtschaftlich bis heute systematisch. Frauen verdienen im Durchschnitt weiterhin weniger als Männer. Alleinerziehende tragen massive strukturelle Belastungen. Die Hauptlast unbezahlter Care-Arbeit liegt weiterhin überwiegend bei Frauen. Und genau daraus entsteht später die unaufhaltsame Sackgasse der Altersarmut.
Ein Demonstrationsplakat brachte es auf den Punkt: „Wir sind wütend, da Care-Arbeit wie das Wattenmeer ist – unsichtbar, bis alles trocken fällt.“
Starke Worte!
Hintergrund: Wer organisierte die Konferenz und was tun Gleichstellungsbeauftragte?
Die Bundeskonferenz wird von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen Deutschlands organisiert – dieses Jahr gemeinsam mit der Stadt Lübeck.
Doch wie sieht die Arbeit vor Ort aus?
Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte fördern die tatsächliche Gleichstellung, beraten die Leitung sowie Beschäftigte und wirken auf den Abbau struktureller Benachteiligungen hin – im öffentlichen Dienst verpflichtend.
In der freien Wirtschaft gibt es in der Regel keine allgemeine Pflicht zur Bestellung einer Gleichstellungsbeauftragten; dort werden entsprechende Aufgaben meist über Betriebsrat, Personalabteilung, Diversity-Strukturen oder freiwillige Beauftragte organisiert. Für bestimmte große und börsennotierte Unternehmen gelten jedoch gesetzliche Vorgaben zu Frauenanteilen und Zielgrößen in Führungspositionen und Aufsichtsgremien.
Dabei unterscheidet sich das Aufgabenspektrum enorm je nach Größe der Kommune oder des Unternehmens:
- Ehrenamt im kleinen Kreis: Während z. B. die 9.000-Einwohner-Stadt Reinfeld nur eine ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte hat, die für wenige Stunden pro Woche im Rathaus ist und sich primär um interne Angelegenheiten kümmert (auf dem Foto in der Mitte: Martina Brosda), sieht die Realität in Großbetrieben anders aus.
- Hauptamtliche Strukturen: Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) mit den Standorten Kiel und Lübeck kümmern sich vier Festangestellte (u.a. Tanja Heim auf dem Foto rechts) um die Gleichstellung von rund 16.000 Mitarbeiterinnen.
- Der Kampf an vorderster Front: Doch selbst bei größeren Kommunen gibt es oft nur eine einzige festangestellte Person für diese Mammutaufgabe – wie beispielsweise in Reinbek oder Quickborn.
Dort kämpfen die Beauftragten im wahrsten Sinne des Wortes alleine an mehreren Fronten. Das ist alles andere als einfach, denn die Macht der Männer in Führungspositionen ist nach wie vor ungebrochen – in Kommunen, der Wirtschaft ebenso wie in der Politik.
Wobei die hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte Maria aus dem Süden des Kreises Stormarn ihre Aufgabe durchaus kritisch sieht: „Das ist eine Alibi-Funktion, um den Eindruck zu erwecken, sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einzusetzen, ohne dies wirklich zu wollen. Verantwortung wird im Grunde genommen einfach abgegeben.“
Dagegen ist die ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte Martina aus dem Norden des Kreises Stormarn Feuer und Flamme. Sie spürte den „Spirit“ der Veranstaltung genauso intensiv wie ich. Als ehemalige Polizistin hat sie in der Vergangenheit oft genug „ihren Mann“ gestanden und sieht Gleichberechtigung als Selbstverständlichkeit an.
Doch diese Geschlechtergleichstellung wird immer wieder infrage gestellt. Ob es Geschlechtergerechtigkeit gibt, ist eine andere Frage…
Wer Feminismus noch immer als ideologisches Randthema abtut, hat die Dimension des Problems schlicht nicht verstanden!
Hier geht es nicht um akademische Elitendebatten oder ideologische Grabenkämpfe. Hier geht es um nackte Lebensrealitäten. Um Sicherheit. Um wirtschaftliche Existenz. Um politische Teilhabe. Am Ende des Tages schlicht um demokratische Stabilität.
Die dreitägige Konferenz setzte genau deshalb bewusst auf die enge Verzahnung von Analyse und Praxis. Das zeigte sich schon bei den geladenen Spitzenpolitikerinnen – und bot direkt ein Lehrstück über politische Prioritäten.
Bundesministerin Karin Prien (CDU), seit Mai 2025 im Kabinett Merz für Frauen und Gleichstellung zuständig, hatte wegen vermeintlich wichtigerer Termine abgesagt. Sie schickte lediglich eine sehr kurze Videobotschaft. Ein schwaches Signal an eine Konferenz, die die drängendsten Fragen der Zeit verhandelt.
Ganz anders der Auftritt von Aminata Touré (Bündnis 90/Die Grünen). Schleswig-Holsteins Ministerin für Gleichstellung und stellvertretende Ministerpräsidentin war persönlich vor Ort. Als Deutschlands erste afrodeutsche Ministerin weiß sie genau, was es bedeutet, sich in verkrusteten Strukturen durchzusetzen. Für ihre klaren, von tiefer Überzeugung getragenen Worte auf der Bühne im großen Saal der MUK erhielt sie jubelnden, ehrlichen Applaus.
Touré redete nicht um den heißen Brei herum: „Diese Gesellschaft wird immer noch mehrheitlich von Männern regiert und dominiert. Umso wichtiger ist es, dass kommunale Gleichstellungsbeauftragte die Lebensrealitäten von Frauen in Entscheidungsprozesse einbringen, auf bestehende Lücken aufmerksam machen und Menschen miteinander vernetzen.“
Sie gab der Konferenz ein konkretes politisches Versprechen mit auf den Weg:
„Wir werden in Schleswig-Holstein das Gleichstellungsgesetz erneuern und wollen insbesondere die Gleichstellungsbeauftragten weiter stärken. Ich möchte dafür sorgen, dass Gleichstellung als Ziel und als Grundgedanke fest verankert wird – und dass Konsequenzen folgen, wenn sie nicht beachtet wird.“
Die Ministerin machte unmissverständlich deutlich, dass Deutschland noch weit von echter politischer und gesellschaftlicher Gleichstellung entfernt ist. Entscheidend sei am Ende nicht allein eine Quote, sondern ob Frauen tatsächlich dort vertreten sind, wo die echten Entscheidungen getroffen werden. „Nur wenn wir dort echte Parität* erreichen, können wir von einer tatsächlichen politischen und gesellschaftlichen Aufteilung von Macht sprechen“, so Touré. Ein starkes Bekenntnis, das zeigt: Hier geht es um echte Substanz.
*Parität von lateinisch paritas „Gleichheit, gleich stark“
Nach diesem kraftvollen Auftakt und einem messerscharfen Impulsvortrag von Judith Rahner, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats, boten am Montag acht Fachforen den Raum für Strategie und Austausch. Die Themen reichten von:
- geschlechtsspezifischer Gewalt im politischen Raum
- über Antifeminismus als Brückenideologie,
- die Diskussionskultur in kommunalen Gremien,
- die Umsetzung der Istanbul-Konvention
- bis hin zur Unterstützung von Frauen beim Arbeiten nach einer Krebserkrankung.
Besonders im Fokus und mit der höchsten Teilnehmeranzahl besetzt: Das Forum zu Künstlicher Intelligenz, algorithmischem Bias und digitalem Empowerment.
Geschlechtergerechtigkeit ist kein isoliertes Frauenthema, das nach Belieben verhandelt werden kann. Sie ist das unverzichtbare Fundament sozialer Nachhaltigkeit!
Deutschland hat sich völkerrechtlich zu einer nachhaltigen Entwicklung verpflichtet. Dazu gehören im Rahmen der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) ausdrücklich die Reduzierung von Ungleichheiten (SDG 10) und das Erreichen von echter Geschlechtergerechtigkeit (SDG 5).
Wer Frauen strukturell benachteiligt, Care-Arbeit unsichtbar hält und Altersarmut von Leistungsträgerinnen billigend in Kauf nimmt, handelt schlichtweg nicht nachhaltig.
Punkt mit !
Für mich war diese Lübecker Konferenz, die nach dem lauten Protest am Montag noch bis zum heutigen Dienstag andauert, weit mehr als ein Fachkongress. Sie war ein dringendes Warnsignal. Und ein absolut notwendiges.
Wenn antifeministische Narrative lauter werden, mühsam erkämpfte Gleichstellung wieder infrage gestellt wird und die wirtschaftliche Realität weiterhin vor allem Frauen einseitig belastet, dann geht es längst nicht mehr um Befindlichkeiten.
Dann geht es um die Stabilität unseres gesamten Gemeinwesens.
Um unsere Demokratie!
Und um die fundamentale Frage, in welcher Gesellschaft wir in Zukunft eigentlich leben wollen.























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